ich möchte euch kurz über ein spannendes Projekt informieren.
Ich habe vor einer Woche einen Schwarm in eine selbstgebaute Bienenkiste (Fichte 3-Schicht) einlogiert. Das Besondere daran: Der Schwarm stammt aus einem „Muttervolk“, das seit mehreren Jahren völlig autark und ohne jegliche Behandlung in den Wandritzen meiner alten Scheune lebt.
Da dieses Volk offensichtlich eine sehr robuste Genetik (Stichwort: Darwin-Beuten / natürliche Selektion) aufweist, möchte ich die Entwicklung in der Bienenkiste genau beobachten.
Ich stehe aktuell im Zwiespalt bezüglich der Varroa-Behandlung: Einerseits möchte ich die wertvolle Genetik nicht durch künstliche Selektion (Behandlung) „verwässern“, andererseits möchte ich das neue Volk in der Kiste nicht durch Re-Invasion verlieren.
Habt ihr Erfahrungen mit Schwärmen aus solchen langjährigen Wildbeständen oder Tipps für eine minimale Behandlungsstrategie?
Die zweite Bienenkiste für den erwarteten Nachschwarm ist bereits fast fertig.
Wenn ich es richtig in Erinnerung habe, wurde an der Fischermühle die vorsorgliche Behandlung von Naturschwärmen nicht wirklich empfohlen.
Ich habe meinen ersten heurigen Naturschwarm, weil ich wissen wollte, wie viele Varroen da ca. mitgenommen wurden, am Tag nach dem Einlogieren in der neuen Beute mit Oxalsäure bedampft.
Am nächsten Tag lagen ganze vier Varroamilben auf der Unterlage, seither habe ich nichts mehr gesehen - die Belastung war also sehr niedrig - die Behandlung war so gesehen nicht erforderlich.
wenn sich hier ein Gleichgewicht zwischen Wirt und Parasit herausgebildet hat (Das was wir (auch ich) mit unseren vielen Arten der Varroa-Behandlung immer wieder stören.), dann wäre das doch mal einen weiteren Versuch wert, ob diese lokale(?) Anpassung weiter vererbt wird.
Soll heißen: Beobachten und nicht behandeln. (Ob ich das selbst durchhalten würde, kann ich leider nicht sagen.)
Weil… all die bekannten Schwellwerte sind aus menschlichen Denken entstanden. Weder ein Parasit hat ein Interesse, seinen Wirt platt zu machen, noch hat ein Wirt das Interesse zu sterben.
Wenn die Annahme (ein Volk seit Jahren ohne Behandlung) zutrifft, hätte ich die Hypothese: Ich denke, du wirst Varroen sehen (vielleicht mehr als die bekannten Grenzwerte suggerieren) und das Volk bekommt es trotzdem hin.
Ich freue mich sehr, wenn du weiter berichtest - egal, in welche Richtung es sich dreht.
Vorsicht mit der Bewertung eines niedrigen Varrohrbefalls! Wir haben Mitte Mai, da ist es inormal, insbesondere nach einem recht kalten Winter und einem tlws. kalten Frühjahr, dass wir uns noch am Anfang der exponentiellen Vermehrung befinden. Ich habe gestern einen brutfreien Ableger Oxalsäure sprühbehandelt und es fiel tatsächlich nur eine Milbe ab. Kein Grund zur Euphorie! Da bin ich schon mal drauf reingefallen und im Oktober war das Volk hinüber.
Wenn dieses unbehandelte Volk tatsächlich schon konstant in der Mauerritze über Jahre lebt, dann hätte ich gerne ein paar Eier als Zuchtstoff, allein mit fehlt der Glaube!
Jap… und genau das meine ich mit menschlichem Denken (und schließe meine eigenen Bedenken mit ein).
Nur haben wir beide möglicherweise(?) keine Chance auf ein lokal angepasstes Muttervolk, da nicht nur wir sodern auch unsere Nachbarn immer wieder mit der Chemiekeule wedeln und damit gasunde Bienen schwächen.
Ich kann von mir sagen und dabei das Zitat wiederholen: Ich bin ein schlechter Bienenvermehrer und ein sehr guter Varroazüchter… und das mit Vorsatz - denn es ist wieder besseren Wissens.
Und solange wir uns nicht trauen, der Natur ihren Weg mit natürlicher Selektion gehen zu lassen (so wie die Imker in den armen Ländern nach meinen Informationen schon gegangen sind) - solange wird die Seuche bei uns weiter bestehen.
Jörg hat scheinbar günstige Voraussetzungen für diesen Versuch. Den Weg der Selektion scheint dieses Volk - wie die vielen anderen in den 40(?) Millionen Jahren vor den Menschen - schon gegangen zu sein.
Ich wünsche ihm viel Erfolg - es ist noch die alte Königin… warum sollte sie ihre Fähigkeiten nicht mitgenommen haben?
Nachher ist sogar der Esel schlau! Natürlich hätte ich die die Behandlung nicht durchgeführt, wenn ich vorher gewusst hätte, wie das Ergebnis ausgefallen ist.
Allerdings muss man natürlich schon sagen, dass die Behandlung mit Oxalsäure ausgesprochen schonend ist. Ich habe sie durchgeführt ohne Rauch und ohne Schutz die Bienen haben genauso reagiert wie wenn man sie mit Wasser ansprühen würde. Natürlich auch kein Totenfall.
Letztes Jahr habe ich zwei Ableger nicht sprüh behandelt, weil ich vermutet habe, es gäbe noch kaum Milben und habe mich böse geirrt.
Eine sehr gute Methode ist übrigens die Abliegerbildung über einem Mullerbrett. Wahrscheinlich nicht wirkungsvoller als die Sprühbehandlung aber natürlich total schonend. Ich habe allerdings nur eins.
Wir reden hier von einem Haustier, das seit fünf bis zehntausend Jahren von Menschen gezüchtet wird. Das ist der einfache Grund warum man hier nicht einfach der Natur ihren Lauf lassen kann ohne über längere Zeit katastrophale Einbrüche der Populationen anzurichten.
Ich bin mir schon auch sicher, dass die Evolution das ganze schon richten wird, allerdings dauert das mehr als ein paar Semester. Das dauert wahrscheinlich eher Jahrtausende.
Gegenseitige Vorwürfe sind häufig und bringen gar nichts. Begriffe wie “Chemiekeule” helfen auch nicht weiter, da unterschiedlichste Maßnahmen in einen Topf geworfen werden.
Beispielsweise ist die Oxalsäure in vielen Lebensmitteln enthalten und auch sogar als natürliche Bestandteil im Honig.
Eine sinnvolle Varroabehandlung stoppt im Übrigen überhaupt nicht vollends die Entwicklung einer natürlichen Varroatoleranz. Ein varroatolerantes Volk wird trotzdem bessere Überlebenschancen haben. Die 20% Winterverluste die teilweise zu beklagen sind treffen sicherlich nicht ausgerechnet die besten Völker. Aber wie gesagt: das wird ziemlich ziemlich lange dauern.
Die Frage zur Behandlung von Jörg @JBossler bezieht sich auf einen Naturschwarm, welcher aus einem Bienenvolk stammt, welches möglicherweise bereits mit Varroa in Koexistenz überleben konnte - das ist dann aus meiner Sicht schon ein Unterschied zu irgendwelchen Ablegern.
In diesem Fall würde ich gar nicht oder auf jeden Fall so wenig wie möglich behandeln, um diesen Anpassungsprozess nicht zu unterbrechen.
Natürlich besteht die Gefahr, dass dieses Volk an Varroa zu Grunde geht, aber wir werden nie herausfinden ob es auch ohne Behandlung zurecht kommt, wenn wir es nicht versuchen.
Meine Prognose: Unter den neuen Lebensbedingungen herrscht eine ganz andere Dynamik der Varroa Reproduktion: Große Beute, großes Volk, wenig Wärmeverlust pro Individuum, gute Futterreserven. Das führt zu längerer Brutzeit im Herbst, dicker Wintertraube und frühem Beginn am Ende des Winters. Bei mildem Winter wird vll. sogar durchgebrütet. Alles ideal für die Milbe. Nicht umsonst sind gerade die besonders starken Völker besonders von der Varroa betroffen.
Ein kleines Volk in enger Umgebung brütet spät und kurz. Die lange Winterpause ist strapaziös für Varroen. Dazu schwärmt es auch viel lieber, weil der Platz fehlt. Folge: Zeitweise Brutfreiheit in Stammvolk und Schwarm. Auch schlecht für die Milbe.
Die beschriebenen wilden Völker starten offenbar auch spät und zaghaft. Würde passen.
Will heißen: Das möglicherweise varroatolerante Volk ist am Ende vll. einfach nur in einem varroaunfreundlichen Heim untergebracht.
Ich fürchte, der Umzug in eine Nobelunterkunft ist der Anfang vom Ende.
Diese „Erkenntnisse“ zeigen, dass mit „Gut für die Biene“ - „Gut für den Imker“ - „Schlecht für die Varroamilbe“ , etc. oft ein Interessenkonflikt entsteht.
Jeder Imker hat so seine Vorstellungen dazu.
Ein schneller, einfacher, für jeden praktikabler und akzeptabler Lösungsansatz wurde noch nicht gefunden und ist auch weiterhin nicht absehbar.
Bis dahin werden wir im Rahmen unserer individuellen Möglichkeiten weiter nach Wegen suchen und experimentieren müssen, um mit dieser Thematik umzugehen.
Ich präzisiere: Die Urform, die “Dunkle Biene” ist halt seit Menschen züchten so weit zurück gedrängt worden, dass sie nahezu ausgestorben ist.
Unsere vorherrschenden “Zuchtbienen” sind natürlich keine domestizierten Haustiere im engeren Wortsinn, aber halt auch ganz bestimmt keine Wildbienen.
Am treffensten wäre halt der Begriff “Nutztier”. Der gefällt mir aber nicht und ich finde “Haustier” wesentlich respektvoller.
Unsere Kinder haben den Begriff zugeteilt, denn sie sind der Meinung unsere Bienenvölker auf dem Balkon gehören zum Haus und zur Familie. Und das nun in der dritten Generation. Immerhin wohnen sie sogar wortwörtlich unter demselben Dach.
Und als ich gesehen habe wie gestern unsere Tochter die vor dem aufgezogenen kalten Wind ausgeflogene , verklammten Bienen gesucht, in der Hand aufgewärmt und gefüttert hat, bis sie wieder flugfähig waren, hat das Wort “Haustier” am ehesten gepasst.