Konzepte Varroa Nachbehandlung (Herbst)

Hallo liebe Forumsgemeinde,

im Gespräch mit Dr. Eva Frey, unserer Wissenschaftlerin an der Fischermühle habe ich folgendes zur Nachbehandlung von Bienenvölkern gelernt, was ich euch hier weitergeben möchte. Ich hoffe, dass es hilft, euren Handlungsspielraum zu erweitern und eure Bienen gesund in den Winter und wieder heraus zu begleiten.

Bienenbiologie, die ihr sicher kennt:
Die Winterbienen wachsen bereits im September heran. Damit sie bis April fit und vital sind, sollen sie ohne Druck von Varroa und Krankheiten entstehen.

Um dies sicherzustellen ist in jedem integrierten Behandlungskonzept eine ordentliche Diagnose unerlässlich – auch empfohlene Behandlungen sind selten zu 100% wirksam! Insbesondere in diesem Jahr scheinen die Bedingungen für die AS-Behandlung erschwert gewesen zu sein (hohe Luftfeuchte, Temperaturschwankungen).

Das bedeutet, dass wir nach abgeschlossener Spätsommerbehandlung (AS) den natürlichen Milbenfall genau im Auge behalten. Falls notwendig, wird dann Ende Sep. bis spätestens Ende Oktober nachbehandelt. Dafür sind je nach Standort oder Verbandszugehörigkeit unterschiedliche Mittel zugelassen.

Da sich dieser Thread mit der OS-Verdampfung auseinandersetzt, nehme ich diese zum Beispiel:

Diese Methode ist in Anwendung und Dosierung prinzipiell unabhängig von der Art der Behausung oder der Größe der Völker, kann also in Bienenkiste, Einraumbeute, Zeidlerbaum etc. angewendet werden. Gewisse Vorsichtsmaßnahmen im Zusammenhang mit der eigenen Gesundheit und der Sicherheit am Bienenstand sind natürlich zu beachten jedoch nicht Gegenstand dieses Beitrags. Die Behausungen müssen dafür so gut wie möglich abgedichtet werden. Die Diagnoseböden müssen grundsätzlich ameisen- und windsicher sein, um möglichst exakte Ergebnisse zu liefern. Eine exakte Diagnose wird vorausgesetzt.

Milbenbiologie 1: Verhältnis aufsitzender Milben vs. Milben in Brutzellen
Über die normale Bienensaison befinden sich etwa 70-80% der Milben im Volk in der verdeckelten Brut und werden von OS-Präparaten nicht erreicht. Mit geringerem Brutumfang der Bienenvölker sinkt diese Zahl, konkrete Werte wurden bislang nicht erforscht. Wir schätzen das Verhältnis aber auf eher 50% oder sogar etwas weniger, je kleiner die Brutnester werden. Der allerletzte Brutsatz ist schon nicht mehr so stark befallen. Wir müssen hier also lernen, die Volksgröße einzuschätzen.

Milbenbiologie 2: Phoretische Phase
Nach dem Schlupf aus der Brutzelle befallen die Milben nicht sofort die nächste Brutzelle. Sie sitzen mehrere Tage auf den erwachsenen Bienen (sog. phoretische Phase), bevor sie kurz vor Zellverdeckelung zum nächsten Reproduktionszyklus die Brut wieder befallen. Deshalb empfehlen Imker bei Völkern mit Brut eine Behandlung alle vier Tage (bzw. 4x in 12 Tagen), um möglichst viele Milben im Volk zu erreichen, z. B. Tag 0 – 4 – 8 – 12.

Milbenmathematik:
Die OS wirkt unmittelbar. Der Wirkungsgrad liegt bei ca. 95%.
Die „Behandlungsmilben“ können also am 4. Tag nach der Behandlung (unmittelbar vor der möglicherweise nächsten Behandlung) ausgezählt werden.

Rechenbeispiel:
Wir finden am 4. Tag nach der Behandlung 95 Milben auf dem Bodenschieber.
Es befinden sich also noch 105 Milben im Volk (100 in der verdeckelten Brut + 5, die die OS nicht erreicht hat).

Verformelt:
MVolk = MBehandlung / 0,95 + MBehandlung / 0,95 - MBehandlung

vereinfacht:
MVolk = 2 x MBehandlung / 0,95 - MBehandlung

Milbenbiologie: Exponentielles Wachstum
Die Milbenpopulation verdoppelt sich etwa alle drei bis vier Wochen in brütenden Völkern.
Indem wir abschätzen, wann etwa die Bienen brutfrei sein werden (eure Erfahrungswerte oder die der Imker in eurer Region, Wettervorhersagen…), können wir abschätzen, wie viele Vermehrungszyklen die Milben noch etwa durchlaufen werden. Damit errechnen wir die voraussichtliche Anzahl von Milben, mit denen die Bienen in den Winter gehen.

Rechenbeispiel:
Wir haben Anfang Oktober noch 105 Milben im Volk (MVolk) und rechnen damit, dass die Bienen Mitte Dezember brutfrei sind. Wir erwarten also noch etwa 3 Reproduktionszyklen.

Die Vermehrung folgt der Formel:
MWinter = MVolk x 2Zyklen

In unserem Beispiel:
105 * 23 = 840

Für eine gute Überwinterung sollte der Befall der Bienen im Oktober nicht über 6% liegen (DeBiMo, Jahresbericht 2019), das bedeutet bei einem durchschnittlich großen Volk von 8000 Bienen im Winter eine Milbenzahl von nicht mehr als 460. Nach Abschluss der Behandlungen im Spätsommer (Ende September / Anfang Oktober) kann u.a. über den natürlichen Milbenfall und entsprechende Grenzwerte ermittelt werden, ob weitere Behandlungen notwendig sind. Der Grenzwert für diese Jahreszeit liebt bei 2 bis 3 Milben pro Tag, die natürlicherweise fallen.

Die Behandlung ersetzt nicht die Winterbehandlung, die durch Brutfreiheit und geringere Volksgröße beste Bedingungen für einen hohen Wirkungsgrad bei nur einer einzigen Behandlung bietet.

Je geringer der Milbenbefall im Frühjahr ist, desto unbelasteter starten die Völker ins Jahr und können sich entwickeln.

Auch wenn diese Angaben kein eindeutiges Rezept darstellen, möchten wir euch damit ans Herz legen, den Befallsgrad eurer Völker gut im Auge zu behalten und eure Eindrücke durch die Erfahrung mit anderen Bienenhalter*innen in eurer Region zu ergänzen. Dafür bietet sich insbesondere unser Konzept der Mellifera-Regionalgruppen an, mit denen auch die Imkerei Fischermühle im engsten Austausch steht.

Viel Erfolg und eine gesunde Einwinterung

Katrin

(Anmerkung 27.10.2021: Der Beitrag wurde nach Rücksprache mit Dr. Eva Frey überarbeitet. Insbesondere der Reproduktionszyklus der Milben wurde um die phoretische Phase ergänzt und fällt dadurch etwas länger aus, als in der früheren Fassung angegeben. Die prozentuale Befallsgrenze im Oktober und die durchschnittliche Volksgröße im Winter wurden nach unten korrigiert. Daraus ergibt sich auch ein niedrigerer Grenzwert für die im Volk vorhandenen Milben.

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Liebe Katrin,

ich finde, Dein Beitrag hätte ein eigenes Thema im Bereich FAQ verdient; auch, um besser gefunden zu werden. Kannst Du den nicht vielleicht abtrennen (zum Beispiel „Nachbehandlungskonzept“)…?

Vielen Dank und liebe Grüße,
Michael

Danke! Da gibt es nichts hinzuzufügen! Auch wurde nochmal explizit darauf hingewiesen dass es sich auf das Volumen bezieht. Das ist bei der Dosierung zu beachten. Nochmals vielen Dank für dieses Statement jetzt von „offizieller“ Seite. Möglicherweise hilft es dem ein oder anderen bei der Einordnung der Behandlungsmethode.

LG Björn

Lieber Michael,
danke für den Hinweis, dem ich gerne nachgekommen bin - übe noch hier :slight_smile:
Viele Grüße
Katrin

Hallo Katrin,
das nenne ich mal eine ausführliche Info.
Gruß Jörg

Hallo Katrin,

endlich mal wieder ein Beitrag mit Inhalt.
Ich bin begeistert.

Jürgen

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z.B.
M(Winter) = M(Volk) x 2^n(Zyklen)
das „hoch“-Zeichen befindet sich auf meiner Tastatur links neben der 1

Ich nehme an die Zahl 2 ist eine Variable und würde im Sommer in etwa 5 betragen?

Die 2 ist ausgeklammert. Ich habe den vorherigen Rechenschritt im Beitrag eingefügt, um die Formel verständlicher zu machen. Mathematiker vor, um sie noch weiter zu vereinfachen… :slight_smile:

Hier entspricht die 2 der Verdoppelung:
M(Winter) = M(Volk) x 2^n(Zyklen)

Danke auch für das „^“. Ich würde mir wünschen, dass es richtig hochgestellt wird. Und die Angaben in Klammern hätte ich gerne tief gestellt…

@Katrin Text höher: Text höher: < sup > (nur ohne Leerzeichen nach und vor <>)
Text tiefer: Text tiefer: < sub > (auch ohne Leerzeichen nach und vor <>)

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:+1: Tiptop danke !

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